Latein

Latein ist tot? Es lebe Latein!

Michael Hotz, Schulleiter

Schlüsselqualifikationen fürs Leben

Latein vermittelt wie kein anderes Fach eine große Bandbreite an Kompetenzen, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Schlüsselqualifikationen:

Unsere Schülerinnen und Schüler wenden analytisches, kombinatorisches und problemlösendes Denken in verschiedenen Kontexten an. Dabei arbeiten sie über einen längeren Zeitraum systematisch, präzise und zielorientiert, was ihnen hilft, Problemstellungen intensiv zu durchdringen und unterschiedliche, immer wieder neue Lösungsansätze zu entwickeln. Dass dabei neben der notwendigen Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit hin und wieder auch eine gewisse Frustrationstoleranz gefragt ist, sei nicht verschwiegen. Dies trägt aber zugleich auch wesentlich zur Weiterentwicklung der individuellen Fähigkeiten und zur Persönlichkeitsbildung bei.

„Geistiges Betriebssystem“

Durch die Systematik und Kontinuität des Lernens entsteht Struktur und dauerhafte Ordnung im Kopf der Kinder und Jugendlichen. Dies befähigt sie, ihre Fähigkeiten und Kompetenzen nachhaltig und mit Erfolg auch in anderen Bereichen bzw. Fächern anzuwenden.

So legen sich unsere Schülerinnen und Schüler ein „geistiges Betriebssystem“ zu, auf das sie ein Leben lang zurückgreifen können: egal, ob sie sich mit Medizin, Jura, Linguistik, KI, Architektur oder Teilchenphysik beschäftigen – auf diese „intellektuelle Plattform“ können sie jede andere „geistige Software“ (Fachkenntnisse) problemlos und zugleich vernetzt aufsetzen -kompatibel für alle Situationen in Schule, Studium oder Beruf. Und da diese Fähigkeiten auf der „geistigen Festplatte“ gespeichert sind, ist der „geistige Arbeitsspeicher“ frei für kreatives Denken, Phantasie und neue Ideen.

Je früher, desto besser!

Unserer Ansicht nach ist es von entscheidender Bedeutung, dass all diese Fähigkeiten so früh wie möglich erworben werden. Denn der Wissensdrang, die Lernbereitschaft und Begeisterung für alles Neue ist gerade bei 5.-Klässlerinnen und 5.-Klässlern riesig.

Vor allem aber bleiben all diejenigen Fähigkeiten und Kompetenzen, die vor der Pubertät erworben werden, deutlich dauerhafter und nachhaltiger im Gedächtnis verankert. Auch deshalb wird an unserer Schule Latein ab der Jahrgangsstufe 5 unterrichtet.

Entspannteres Lernen

Der Lateinunterricht ab der 5. Klasse bietet zudem den Vorteil, dass die Grundlagen der Sprache (sog. Spracherwerb) in 4 Jahren erworben werden können, während Schülerinnen und Schüler, die Latein als 2. Fremdsprache lernen, das gleiche Pensum in 3 Jahren bewältigen müssen. Latein ab der 5. Klasse bedeutet also ein deutlich entspannteres und altersgemäßes Lernen.

Um diese Tatsache wissen auch unsere Lehrkräfte und können so jeden einzelnen Schüler und jede einzelne Schülerin intensiv und individuell unterstützen und fördern.

Ausdrucksfähigkeit im Deutschen

Gedanken und Inhalte lateinischer Texte präzise im Deutschen wiederzugeben ist ein wichtiger Bestandteil des Lateinunterrichts. Die intensive und reflektierende Beschäftigung mit beiden Sprachen erweitert und verbessert besonders den Wortschatz sowie die Ausdrucksfähigkeit im Deutschen nachweislich – jede Lateinstunde ist eben auch eine Deutschstunde.

Die souveräne Beherrschung des Deutschen entwickelt sich in unserer von Kurznachrichten, Sprachverknappung und Fake-News geprägten Zeit mehr und mehr zu einem der wichtigsten Vorteile, die moderner Lateinunterricht bietet.

Spaß mit Latein

Bei all den vielfältigen Kompetenzen und Fähigkeiten, die unsere Schülerinnen und Schüler erwerben, kommt aber natürlich auch die Freude am Latein-Lernen nicht zu kurz.

Gerade der große Facettenreichtum des modernen Lateinunterrichts und das außergewöhnliche Engagement unserer Lehrkräfte ermöglichen eine entspannte und abwechslungsreiche Lernatmosphäre, denn vom analogen Arbeitsblatt zum Lernen mit dem Tablet, vom lateinischen Krimi zum entdeckenden Lernen am Römertag oder vom bewegten Lernen zum immersiven Unterrichten mit VR-Brillen ist am WG alles geboten.

Latein ist tot? Es lebe Latein!

Das Kulturfach Latein vermittelt nicht nur die Basissprache Europas, vielmehr wollen wir in unseren Schülerinnen und Schülern die Erkenntnis wecken, dass Latein und die Kultur der Römer und Griechen ein unverzichtbarer Bestandteil für das Verständnis unserer abendländischen Kultur sind.

Auf diese Weise wollen wir ihnen ermöglichen, die spannenden Angebote, die ihnen die antike Kultur sowie die Auseinandersetzung der Menschen aller Jahrhunderte mit ihr zu bieten hat, zu entdecken und für ihr eigenes Leben fruchtbar zu machen aber auch vorurteilsfrei mit anderen Kulturkreisen umzugehen. Und dazu gehört auch, sie für die schönen Dinge des Lebens zu sensibilisieren und ihnen die Fähigkeit zu geben, diese „reflektiert zu genießen“.

Sprache(n) nicht plappern, sondern verstehen!

Latein hilft also beim Verständnis der Muttersprache genauso wie beim Erlernen von Fremdsprachen. Doch Latein bietet noch viel mehr: Man erlernt einen analytischen und systematischen Zugang zur Sprache und gelangt so zu einem vertieften und nachhaltigen Verständnis von Sprache allgemein. Nicht zufällig stammt der Großteil der Begriffe, die den Aufbau und die Funktion von Sprache beschreiben, aus der lateinischen Grammatik.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass Schülerinnen und Schüler mit Latein als erster Fremdsprache in den Jahrgangsstufentests im Fach Deutsch deutlich besser abschneiden als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ohne Lateinkenntnisse. Als einziges Fach übt sich Latein im möglichst genauen, aber gleichzeitig eleganten Übersetzen von Texten aus einer Welt, deren Bewohner manchmal ähnlich, oftmals aber auch gänzlich anders gedacht, gefühlt und geschrieben haben als wir heute. Was könnte Sprachgefühl, Ausdrucksfähigkeit und Kreativität in der Muttersprache mehr fordern und fördern als dieses Abenteuer mit Worten?

Dabei lernen wir, Texte ganz genau zu lesen und auf jedes einzelne Wort zu achten, um den Zusammenhang von Form und Inhalt präzise zu analysieren. Das tun wir zum Beispiel, wenn wir Julius Caesars Schrift über den Gallischen Krieg lesen, ein Thema, das viele aus Asterix kennen. Heute noch verbindet man mit Caesar das Bild eines genialen Feldherrn und politischen Strategen, doch ein Blick hinter die Fassade entlarvt ihn als einen geschickten Manipulator, der seine Leserinnen und Leser lenkt und ihnen einen Angriffskrieg als gerechte Sache zu verkaufen versucht.

Das erkennt aber nur derjenige, der jedes einzelne Wort im Original kritisch hinterfragt. Die Fähigkeit, die manipulative Funktion von Sprache zu erkennen, war noch nie wertvoller als in diesen von Fake News und Social Media geprägten Zeiten. Obendrein ist Latein auch noch eine überaus schöne und musikalische Sprache, die zu sprechen und zu hören, Freude bereitet!

Latein für alle

Kaum ein Mensch spricht heute noch Latein. Und trotzdem hilft uns diese Sprache für das Verständnis unserer eigenen Wurzeln! Latein war nämlich in nahezu ganz Europa die alle verbindende Sprache, die jeder beherrschen musste. Als solche ist sie über die Antike hinaus bis in die Neuzeit die Sprache der Wissenschaft geblieben – der Dichter Friedrich Schiller hat seine Doktorarbeit noch auf Latein verfasst!

Nicht von ungefähr stammen auch heute noch die Fachbegriffe aus Medizin, Jura und Geisteswissenschaften sowie tausende unserer Fremd- und Lehnwörter aus dem Lateinischen. Jeder von uns hat schon einmal Animationsfilme gesehen, die nur deswegen so heißen, weil die Figuren in ihm sich so bewegen, als hätten sie einen animus (Seele), oder das Finale eines Wettbewerbs – und auch das ist Latein, denn finis bedeutet Ende! Sogar das für manch einen kompliziert klingende Wort Somnambulismus kann jeder Lateiner blitzschnell mit dem Schlafwandler in Verbindung bringen (somnus und ambulare).

All das zeigt: In unserer Sprache, in den modernen romanischen Sprachen, die sich direkt vom Lateinischen ableiten, und natürlich auch im Englischen, dessen Wortschatz zu etwa 50% aus dem Lateinischen stammt – steckt mehr Latein drin, als mancher ahnt.

Doch nicht nur das: Wohin wir unseren Fuß in Europa setzen: Wir stoßen in Kunst, Kultur und Architektur auf die Spuren der lateinischen Sprache und der über alle Epochen hinweg in ihr verfassten Texte. So sind etwa die Metamorphosen („Verwandlungssagen“) des römischen Dichters Ovid nach der Bibel der einflussreichste Text der Weltliteratur. Wer dieses Buch nicht gelesen hat, wird zahllose bedeutende Werke der Musik, Literatur, Malerei und bildenden Kunst nicht verstehen: Berninis berühmte Statue von Apoll und Daphne in der Villa Borghese in Rom, Shakespeares Romeo und Julia, das auf der Geschichte von Pyramus und Thisbe basiert, bis hin zu modernen Jugendromanen mit ihren Verfilmungen wie Percy Jackson – nur drei von vielen Beispielen, die zeigen:

Wer Latein lernt, erkennt, wie viel uns verbindet. Als Europäer sind wir nämlich alle Lateiner!

Seminarschule

Das Wilhelmsgymnasium ist Seminarschule für die Ausbildung von Referendarinnen und Referendaren im Fach Latein.

Wir stellen den Unterricht vor

Lehrer stellen Latein vor.

Reden wir über Latein

Prof Harald Lesch und Christoph Süß im Gespräch mit Schülern des WG.