Dichterlesungen

Im Folgenden sehen Sie, was wir eigentlich geplant hatten...

Noch ganz unabhängig von der Corona-Pandemie hatte Natascha Wodin ihre Lesung krankheitsbedingt absagen müssen, Uwe Timm konnte seine Lesung dann aufgrund der coronabedingten Schulschließung nicht mehr durchführen.

Barbara Honigmann war tatsächlich noch da! Wenigstens noch ein schöner Literaturabend!

Die Lesungen mit Natascha Wodin und Uwe Timm wollen wir im Schuljahr 2020/21 nachholen. Über die neuen Termine werden Sie rechtzeitig informiert.

Im Rahmen des Jubiläums "460 Jahre Wilhelmsgymnasium" findet seit Längerem wieder einmal eine kleine Reihe literarischer Veranstaltungen – konkret: Dichterlesungen – im überschaubaren Rahmen einiger weniger Wochen statt, zu denen wir herzlich einladen:

(Auto-)Biographisches Schreiben: Auseinandersetzungen mit der NS-Diktatur

lautet der Titel unserer Reihe. Wir brauchen nicht darauf hinzuweisen, dass die Auseinandersetzung mit dem NS-Terrorregime eine notwendige und bleibende Aufgabe von Schule ist und in der aktuellen gesellschaftspolitischen Situation nicht nur unseres Landes leider wieder immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Natascha Wodin liest aus „Sie kam aus Mariupol“, einem Werk, für das sie 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik erhielt und das eine ergreifende Auseinandersetzung mit dem Leben ihrer Mutter darstellt (3.3.); Barbara Honigmann, die vor vielen Jahren schon einmal bei uns zu Gast war, hören wir mit Passagen aus „Georg“, dem 2019 erschienen schmalen Band, einem Porträt ihres Vaters (11.3.); Uwe Timm schließlich liest aus „Am Beispiel meines Bruders“ von 2003, dem literarischen Ergebnis der sehr persönlichen, aufrichtigen Auseinandersetzung mit dem NS-Schicksal seines älteren Bruders (2.4.).

Die Veranstaltungen finden im Musiksaal des Wilhelmsgymnasiums statt, sie beginnen um 19.30 Uhr. Einer jeweils etwa einstündigen Lesung schließt sich ein Gespräch mit der Autorin, dem Autor an. Die Abende enden um 21.00 Uhr.

Genauere Informationen zu den drei Lesungen finden Sie im Folgenden:

Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“ (3.3.2020)

Mit ihrem mehrfach ausgezeichneten Buch „Sie kam aus Mariupol“ (u.a. Preis der Leipziger Buchmesse 2017 in der Kategorie Belletristik) eröffnet am 3. März Natascha Wodin, die zuletzt (2019) den „Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil“ erhielt, unsere Reihe. Eine leichte Kost stellt dieses Werk nicht dar. Die Erforschung der Familiengeschichte der Mutter der Autorin konfrontiert uns mit den Schrecken des Stalinismus und nationalsozialistischer Zwangsarbeit.

Der Rowohlt-Verlag, bei dem das Buch erschienen ist, schreibt:

„‚Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe‘ – Natascha Wodins Mutter sagte diesen Satz immer wieder und nahm doch, was sie meinte, mit ins Grab. Da war die Tochter zehn und wusste nicht viel mehr, als dass sie zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war. Wieso lebten sie in einem der Lager für ‚Displaced Persons‘, woher kam die Mutter, und was hatte sie erlebt? Erst Jahrzehnte später öffnet sich die Blackbox ihrer Herkunft, erst ein bisschen, dann immer mehr.

‚Sie kam aus Mariupol‘ ist das außergewöhnliche Buch einer Spurensuche. Natascha Wodin geht dem Leben ihrer ukrainischen Mutter nach, die aus der Hafenstadt Mariupol stammte und mit ihrem Mann 1943 als 'Ostarbeiterin' nach Deutschland verschleppt wurde. Sie erzählt beklemmend, ja bestürzend intensiv vom Anhängsel des Holocaust, einer Fußnote der Geschichte: der Zwangsarbeit im Dritten Reich. Ihre Mutter, die als junges Mädchen den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror miterlebte, bevor sie mit ungewissem Ziel ein deutsches Schiff bestieg, tritt wie durch ein spätes Wunder aus der Anonymität heraus, bekommt ein Gesicht, das unvergesslich ist. ‚Meine arme, kleine, verrückt gewordene Mutter‘, kann Natascha Wodin nun zärtlich sagen, und auch für uns Leser wird begreifbar, was verlorenging.

Dass es dieses bewegende, dunkel-leuchtende Zeugnis eines Schicksals gibt, das für Millionen anderer steht, ist ein literarisches Ereignis.

 

                                                                                                                                                 © Rowohlt

Natascha Wodin wurde 1945 als Kind verschleppter sowjetischer Zwangsarbeiter in Fürth/Bayern geboren und wuchs in deutschen DP-Lagern auf. Nach Jahren in einem katholischen Mädchenheim, in dem sie nach dem frühen Tod der Mutter untergebracht wurde, arbeitete sie zunächst als Telefonistin und Stenotypistin. Anfang der siebziger Jahre absolvierte sie eine Sprachenschule und arbeitete als Dolmetscherin. Dann begann sie, Literatur aus dem Russischen zu übersetzen, und lebte zeitweise in Moskau. Seit 1981 ist sie freie Schriftstellerin und bekam für ihre Bücher zahlreiche Preise. Sie war mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig verheiratet, in ihrem fulminanten Roman ‚Nachtgeschwister‘ erzählt sie davon. Heute lebt sie in Berlin und Mecklenburg."

 

Barbara Honigmann: „Georg“ (11.3.2020)

Barbara Honigmann, die 2006 schon einmal bei uns gelesen hat, damals aus dem Buch, in dem sie sich mit dem Leben ihrer Mutter beschäftigt, "Ein Kapitel aus meinem Leben", Barbara Honigmann gibt uns nun erneut die Ehre, dieses Mal mit einer Lesung aus "Georg", dem Buch über ihren Vater, das 2019 erschienen ist und für das die bereits vielfach ausgezeichnete Autorin (u. a. Kleist-Preis im Jahr 2000) am 20. Januar 2020 den renommierten Bremer Literaturpreis erhalten hat. "Georg" stellt – im Schauen auf das Leben des Vaters – einen Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts dar; auch das Leben  ihres Vaters ist vom Nationalsozialismus massiv geprägt und beeinflusst worden.

Der Hanser-Verlag, bei dem "Georg" erschienen ist, schreibt über Buch und Autorin:

"'Mein Vater heiratete immer dreißigjährige Frauen. Er wurde älter, aber seine Frauen blieben immer um die dreißig … Sie hießen Ruth, Litzy, das war meine Mutter, Gisela und Liselotte ….', das ist die private Seite einer Lebensgeschichte, die um die halbe Welt führt: Herkunft aus Frankfurt, Odenwaldschule, Paris-London-Berlin, dazwischen Internierung in Kanada, nach der Emigration der Weg in die DDR. Und bei alldem die wiederkehrende Erfahrung:  ‚Zu Hause Mensch und auf der Straße Jude.‘

Barbara Honigmann erzählt lakonisch und witzig, traurig und mitreißend von ihrer deutsch-jüdisch-kommunistischen Sippe. Ein schmales Buch, aber ein großes Buch über Deutschland und die bewegende nachgetragene Liebeserklärung an einen außergewöhnlichen Mann: ‚Das war Georg, mein Vater.‘

 

                                                                                                                   © Peter-Andreas Hassiepen

Barbara Honigmann wurde1949 in Ost-Berlin geboren. Sie arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin. 1984 emigrierte sie mit der Familie nach Straßburg, wo sie noch heute lebt. Honigmanns Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. dem Heinrich-von-Kleist-Preis, dem Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich, zuletzt 2018 mit dem Jakob Wassermann-Preis. Bei Hanser erschienen ‚Damals, dann und danach‘ (1999), ‚Alles, alles Liebe!‘ (Roman, 2000), ‚Ein Kapitel aus meinem Leben‘ (2004), ‚Das Gesicht wiederfinden‘ (2007), ‚Das überirdische Licht‘ (‚Rückkehr nach New York‘, 2008), ‚Bilder von A.‘ (2011) und ‚Chronik meiner Straße‘ (2015)."

 

Uwe Timm: „Am Beispiel meines Bruders“ (2.4.2020)

 

                                                                                                                                     © Isolde Ohlbaum

Uwe Timm, seit vielen Jahren einer der ganz Großen der deutschen Gegenwartsliteratur, schließt unsere Reihe mit einer Lesung aus „Am Beispiel meines Bruders“ ab, einem Buch, in dem er sich auf ehrlich-nüchterne, zugleich berührende, liebevoll-traurige Weise dem Schicksal seines 1943 gefallenen älteren Bruders zuwendet und nach den Hintergründen dieses Lebens fragt.

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch schreibt zum Buch seines Autors:

„Ein kurzes Leben, das lange nachwirkt – Uwe Timm erzählt die Geschichte seines älteren Bruders Karl Heinz Timm, geboren 1924 in Hamburg, gestorben 1943 in einem Lazarett in der Ukraine. – Erst nach dem Tod von Mutter und Schwester fühlt Uwe Timm sich frei genug, über seinen sechzehn Jahre älteren Bruder zu schreiben, der sich 1942 freiwillig zur SS-Totenkopfdivision gemeldet hatte und nicht mehr zurückkehrte. Der Neunzehnjährige lebt weiter in der Trauer der Eltern, ihren Erzählungen, den sprachlichen Wendungen, die für sein Schicksal bemüht wurden, aber auch in den Träumen des jüngeren Bruders, der kaum eigene Erinnerungen an ihn hat. Warum wurden diese Träume nach einem halben Jahrhundert immer drängender? Der Impuls, über den Bruder zu schreiben, sich ein Bild von ihm zu machen, von seiner Generation im Nazikrieg, erwächst bei Uwe Timm auch aus der Notwendigkeit, über die Voraussetzungen der eigenen Biographie Klarheit zu gewinnen. Es ist die Frage nach familiären Prägungen, nach Werten und Erziehungszielen, nach Liebe, Nähe und Respekt unter den Bedingungen des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs. Warum hat sich der Bruder freiwillig zur SS gemeldet? Wie ging er mit der Verpflichtung zum Töten um? Welche Optionen hatte er, welche Möglichkeiten blieben ihm verschlossen? Wo ist der Ort der Schuld, wo der des Gewissens bei den Eltern, die ihn überlebt haben?

Uwe Timms neues Buch ist ein bewegender und nachdenklicher Versuch über den Bruder, über Schuld und Erinnerung, es ist auch ein Porträt der eigenen Familie und eine Studie darüber, welche Haltungen den Nationalsozialismus und den Krieg möglich machten, was das mit uns zu tun hat und wie man darüber sprechen kann. Ein schönes, kluges und trauriges Buch, das einen nicht loslässt.

Uwe Timm, geb. 1940 in Hamburg, lebt in München und Berlin. Sein Werk erscheint seit 1984 bei Kiepenheuer & Witsch in Köln, u. a.: ‚Heißer Sommer‘ (1974), ‚Morenga‘ (1978), ‚Der Schlangenbaum‘ (1986), ‚Kopfjäger‘ (1991), ‚Die Entdeckung der Currywurst‘ (1993), ‚Rot‘ (2001), ‚Am Beispiel meines Bruders‘ (2003), ‚Der Freund und der Fremde‘ (2005), ‚Halbschatten‘ (2008), ‚Vogelweide‘ (2013), ‚Ikarien‘ (2017).“